Resistenzbildung in der Intensivtierhaltung

BUND Hintergrundinformationen zu Antibiotikaeinsatz und
Resistenzbildung in der Intensivtierhaltung

von Dr. Kathrin Birkel, 24.01.2012, Auszug

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Viele Artgenossen auf wenig Raum, Stress, Hitze, Hygieneprobleme – ohne Hilfsmittel funktioniert Intensivtierhaltung („Massentierhaltung“), bei der Tiere chronisch überfordert werden, nicht. Um das System der Fleischerzeugung in industriellem Maßstab aufrechterhalten zu können, werden Antibiotika eingesetzt, und das in großem Stil. In Deutschland liegt die durchschnittliche Zahl der Antibiotikabehandlungen pro Tier bei 5,9 (Schweine), 2,5 (Milchrinder) bzw. 2,3 (Mastkälber und Masthühnchen).
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Die (WHO) beschreibt den Zusammenhang zwischen der Gabe von Antibiotika („antimikrobiellen Mitteln“) in der Tiermedizin und Resistenzbildung folgendermaßen:
Der weit verbreitete Einsatz von antimikrobiellen Mitteln (…) in der Viehwirtschaft hat das Risiko erhöht, dass sich resistente Mikroorganismen entwickeln und verbreiten. Dies ist vor allem deswegen ein Anlass zur Sorge, weil dieselben Arten von antimikrobiellen Mitteln bei sowohl Menschen als auch Tieren eingesetzt werden. Die Entwicklung und Verbreitung von antimikrobiellen Resistenzen gefährdet die menschliche Gesundheit und stellt eine große finanzielle Bürde dar. Zudem werden nur wenige neue Antibiotika entwickelt, die jene, die durch Resistenzen ineffektiv geworden sind, ersetzen können. Lebensmittel werden im Allgemeinen als der wichtigste Überträger der Resistenzverbreitung zwischen Menschen und Tieren gesehen“.

Übertragung von Tier auf Mensch

In zunehmendem Maße sind auch die Verbraucher bzw. deren Gesundheit von den drastischen Entwicklungen betroffen. Die Antibiotika – oftmals dieselben, die auch in der Humanmedizin Anwendung finden – werden zumeist großflächig und wenig zielgerichtet eingesetzt. Dies begünstigt die Entstehung von resistenten Erregern, die schnell von Tier zu Tier weitergegeben werden können. Immer öfter erreichen die Keime dann auch Menschen.
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Die Wege von Tier zu Mensch sind dabei vielfältig und je nach Bakterienart verschieden:
– die Bakterien landen auf dem Fleisch des Tieres und stellen dann vor allem während der Verarbeitung und Zubereitung eine Gefahrenquelle dar (z.B. wenn das Fleisch nicht durchgebraten ist oder die Keime nicht vollständig von den verwendeten Utensilien abgewaschen werden)
– die Bakterien landen über Düngung auf Gemüse und werden mitgegessen, wenn das Gemüse nicht ausreichend gewaschen wurde
– die Bakterien werden über Stallstaub eingeatmet, was vor allem für Landwirte selbst eine Gefährdung darstellt. Laut dem Robert-Koch-Institut haben exponierte Menschen (z.B. Bauern, deren Familien, Tierärzte, aber auch Menschen in der umliegenden Nachbarschaft) ein 138-fach erhöhtes Risiko, MRSA zu erwerben.
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Zudem können sowohl MRSA als auch ESBL-produzierende Keime können über die Stallabluft in die Umwelt  gelangen. Sie sind Teil der so genannten Bioaerosole: einer Mischung aus luftgetragenen Teilchen, die sich zusammensetzt aus Staub und Mikroorganismen (Pilze, Bakterien, Viren) bzw. deren Bestandteile und Stoffwechselprodukte. Aus wissenschaftlichen Studien geht hervor, dass es in der Nähe von Tierhaltungsanlagen allgemein und in Gebieten mit hoher Viehdichte im Speziellen zu einer erhöhten Konzentration dieser Bioaerosole kommt. Untersuchungen deuten ebenfalls darauf hin, dass mit der Konzentration von Bioaerosolen für die Anwohner gesundheitliche Risiken einhergehen. Bei holländischen Untersuchungen von Stallumgebungen konnten antibiotikaresistente Bakterien selbst im Abstand von 1000 Metern nachgewiesen werden. Was die generelle Keimdichte anbetrifft, wurden laut dem Landesamt für Gesundheit und Soziales Mecklenburg-Vorpommern hohe Zusatzbelastungen von bis zu mehreren 1000 Koloniebildenden Einheiten pro Kubikmeter in der nächstgelegenen Wohnbebauung festgestellt.

MRSA

Oftmals sind die Landwirte, die die Nutztiere halten, den größten Risiken ausgesetzt. Um ein Beispiel zu geben: Landwirte haben im Vergleich zu Nicht-Landwirten anderen ein 138fach höheres Risiko, mit MRSA-Erregern besiedelt zu sein. Bei Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts fanden Wissenschaftler bei 86% der untersuchten Landwirte und ihrer Familien das mehrfach resistente Tier-MRSA („la-MRSA“) in den entnommenen Nasenabstrichen. Zum Vergleich: bei Landwirtfamilien mit ökologischer Landwirtschaft und deren Schweinen konnte nur einmal Tier-MRSA nachgewiesen werden – bei jemandem, der zuvor in einer konventionellen Schweinemastanlage ausgebildet worden war.
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n-tv.de I 30.04.2014
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